"Der Schwimmer" - Zsusza Bánk



Gerade heute Nacht habe ich das Buch zu Ende gelesen.

"In einem Zug" durch - wobei die Wortwahl in diesem Fall passend ist.

Das Buch lag monatelang bei mir, weil ich Angst hatte, es zu lesen. Eine Freundin sagte mir, sie habe so geweint und, mit Hilfe des Buches, den Tod ihrer Mutter verarbeitet. Meine Mutter ist leider vor 4 Jahren gestorben und ich habe den Tod noch nicht wirklich verarbeitet. So hatte ich wirklich viel Angst überhaupt anzufangen. Dann haben wir im Literaturkreis beschlossen, dass wir das Buch lesen ...

Und? Es ist ein merkwürdiges Buch, da es viele Themen hat, obwohl es nur eines zu scheinen hat. Nämlich den Verlust der Mutter, die 1956 von Ungarn aus in den Westen flieht und ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder in Vat, einem kleinen Dorf im Osten von Ungarn, zurück lässt. Sie geht einfach. Sie verlässt einfach die Familie. Stiehlt sich davon. Die Tochter schreibt in der Ich-Form. Ich vermute, dass sie so um die 10 Jahre alt ist, der Bruder scheint deutlich jünger zu sein.

Der Vater, der sich bisher nicht um die Kinder gekümmert hat (weil das der Teil der Frau in einer Familie ist ?), tut es auch weiterhin nicht. Er zeigt nicht mal wirklich Interesse an den Kindern. Diese sind hauptsächlich sich selbst überlassen. Was für uns befremdlich erscheint - aber eben auch frei ...

Der Vater kommt über den Verlust seiner Frau nicht "hinweg", verkauft alles und verlässt, mit den Kindern, nun ebenfalls das Dorf . Sie machen zu dritt eine Reise von Verwandtschaft zu Verwandtschaft - kreuz und quer durch Ungarn.

Bei den Verwandten werden die Kinder und er zwar alimentiert, er kann sich jedoch raus aus der Verantwortung der Kindererziehung ziehen - überlasst das den Frauen ... schläft viel, kümmert sich um sich, arbeitet wenig. Erste Statioin ist Budapest. Als die Verwandt sagt, die Kinder müssen in die Schule, nimmt er sie und flüchtet mit ihnen aus der Stadt.

Sie reisen weiter in den Nordwesten des Landes. Die Liebelei aus Budapest, die sie - mit dem Auto! - in ein Dorf, Szerencs, ganz im Nordwesten von Ungarn bringt. Zu weiterer Verwandtschaft der Familie. Die Kinder leben sich dort gut ein. Als die Liebelei bekannt wird, muss er mit den Kindern abreisen.

Der Vater liebt das Schwimmen. Am Anfang des Buches nimmt er seine Kinder zwar mal mit zum Wasser, aber er zeigt ihnen nicht das Schwimmen. Nun flieht er vor dem Ehemann seiner Liebschaft und reist mit den Kindern zu weiteren Verwandten an den Balaton. Die Kinder finden dort das erste Mal so etwas wie Glück - und lernen vom Vater das Schwimmen. Dafür nimmt er sich Zeit. Ansonsten ist er sich selbst genug. Der kleine Bruder der Ich-Erzählerin will schon Schwimmer werden, seitdem er ganz klein war. Er lernt nun das Schwimmen vom Vater. Sie verbringen viel Zait mit Schwimmen. Im Wasser und an Land. Er schwimmt auch trocken. In den Weinbergen, auf dem Weg, im Sand, im Gras - überall.

Er ist ein bisschen "ver-rückt", wobei nicht klar ist, ob das schon vor dem Weggehen der Mutter war. Er kann Dinge reden hören - auch ohne sie zu sehen. Er flieht oft aus dem Zustand des Seins und scheint wie bewusstlos. Er ist anders. Heiss geliebt von seiner Schwester und auch von ihr immer umsorgt. Und sie ist ständig in großer Sorge um ihn. Nicht zu unrecht, wie sich später zeigen wird.

Der Vater interessiert sich nicht wirklich für die Kinder, meint man. Ich glaube, er hat es nie wirklich gelernt, sich für sie zu interessieren. Am Ende des Buches begreift der Leser, dass der Vater trotzdem sehr an ihnen hängt. Sie liebt. Er kann es wohl nicht zeigen.

Als sie am Balaton angelangt sind, erhalten sie auch Besuch von der Grossmutter, der Mutter der geflüchteten Mutter. Die Grossmutter der Erzählerin war im "Westen" zu Besuch bei der Mutter. Das Buch ändert sich nun und die Flucht der Mutter wird beschrieben. Den Kindern wird bei den Erzählungen der Grossmutter klar, dass ihre Mutter nicht wiederkommen wird. Aber sie erfahren auch, dass Briefe und Pakete der Mutter nie bei ihnen angekommen sind.

Als das Haus am Balaton abbrennt, ist kein Platz mehr und die drei setzen sich zum wiederholten Male in die Bahn und reisen - zurück nach Szerencs - in den Nordwesten. Dort endet das Buch.

Die Sprache des Buches gefällt mir sehr. Allerdings finde ich es an einigen Stellen zu langatmig, andereseits unterstreicht diese Langatmigkeit das Anderssein der Kinder, des Vaters, der Situation ... und wird ihr damit irgendwie auch wieder gerecht. Die Sprache ist umfangreich, wortreich, schön. Ausführliches Beschreiben von Orten und Besonderheiten.

Vielleicht musste die Autorin es für sich schreiben, weil ihre Eltern selbst aus Ungarn geflüchtet sind und dort alles zurück gelassen haben. Zum Aufarbeiten ihrer eigenen Familiengeschichte. Aber das ist hypothetisch.

Das Buch erzeugt einen Wechsel an Gefühlen. Einerseits die Leichtigkeit des Mädchens, wenn sie die Natur und das Leben um sich herum (besonders am Balaton) beschreibt. Freiheit, ohne Schule, ohne Zwänge. Draussensein. Anderssein. Unbeobachtet. Unbewertet. Dann wieder die Schwere des Lebens, ihr Nicht-Verhältnis zu ihrem Vater, die Traurigkeit und Sehnsucht nach ihrer Mutter. Das Anderssein des Bruders. Das Verlassen von Orten und Menschen, an denen sie sich eingelebt haben. Die sie lieb gewonnen hat. Und auch die Erkenntnis, dass die Mutter nicht zurück kommen wird.

Ich glaube nicht, dass ich das Buch so einfach verschenken werde. Nicht an jemanden, der zwischdurch liest. Eher dann an jemandem, der etwas mit besonderen Büchern anfangen kann. Denn das ist es. Besonders. Besonders schöne Sprache. Besonders melancholisch. Besonders traurig machendend.


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